Über den Yangtse

Ein Erfahrungsbericht aus Nanjing (von Hauke Hückstädt)

Dies ist nur eine Busfahrt. Ein unzulässiger Ausschnitt einer Reise, auf der ich als Gast immer der sein durfte, als den man mich aufgenommen hat: Autor, Dozent dreier Klassen voller kluger wie neugieriger Studenten, Gesprächspartner, Kollege, Freund und sogar „sehr guter Fußballspieler“ – definitiv eine Anmaßung. Ich durfte in Shanghai die Biennale und Shanghai Art besuchen, pilgerte zum Fußballmatch zweier Provinzen, war zu Gast bei Künstlern und Wissenschaftlern, las im edlen Paulaner mit Nanjinger Lyrikern, sang in Karaokepalästen mit Studenten und aß königlich in den kleinsten Hütten.

Von der zentralen Nanjing University fährt ein Bus zum Pukou-Campus im gleichnamigen, in den Nordwesten der Stadt gestampften Stadtteil. Ich habe dort die Deutsch-Studenten des 3. Jahres, die Filmklasse, wie ich sie nenne, um unserer dilettierenden Unternehmung Format zu geben. Es geht um „Werte“, eine Anregung vom Goethe-Institut. Die Studenten haben das mit mir erarbeitet: Welches sind ihre Werte? Wir sammeln. Ich hege die Hoffnung, dass sie auf „Tradition“ kommen. Mit einem kleinen Schubser schaffen wir das auch. Denn ich möchte, dass die Studenten in Downtown Passanten interviewen und nach Erbstücken fragen. Diese Frage ist ein Vehikel, ich habe sie mir von Walter Kempowski abgeguckt. Er hat die Leute damit zu sprudelnder Selbstauskunft gebracht. Dahinter aber steht: Gibt es etwas, das zurückreicht, etwas, das man pflegt, etwas mit Geschichte, dass die Rupf-Aus-Mentalität von Maos Kulturrevolution unterläuft?

Als wir genügend gesammelt haben, lasse ich spontan abstimmen. Jeder hat drei Voten. Es siegen deutlich „Familie“ und „Gesundheit“, dann lange nichts, dann „Glück“ und „Karriere“. Weit abgeschlagen mit einer Stimme „Tradition“. Null Stimmen für „Sport“, „Durchsetzungsfähigkeit“ und „Unabhängigkeit“. Das sind ihre Wert-Wertungen. Sie haben mich das an die Tafel schreiben lassen. Später einmal, ich bin inzwischen furchtlos in meinem ungelernten pädagogischen Element, spielen wir die Werte durch. Activity: Malen, Pantomime, Synonyme. Die schnellste Lösung führt Leo herbei, er sagt „Konvention“, die Klasse schallt „Tradition“ zurück. Für sie ist das synonym. Als ich frage, wie sich „Unabhängigkeit“ pantomimisch darstellen ließe, macht eine Studentin eine wegstoßende Geste. Ich entgegne, man könne doch auch eine Gruppe bilden und dann aus dieser entschlossen heraus treten und den Kopf selbstbewusst empor heben: hier stehe ich, für mich!

Der Bus kommt. Ich freue mich auf die ersten Interviewergebnisse, die ich an diesem Nachmittag sehen darf. Später werden alle Filme unter www.artistsinresidence. de zu sehen sein. Der Bus rumpelt los, ein Dozenten- Shuttle, geballte Kompetenz. Ich finde mich neben dem Germanisten Prof. Wang wieder. Ein Zufall und ein sofort angenehm einnehmender, sanfter wie kluger Mensch. Wir sprechen über das Staunen, wie er in den Siebzigern in einer westdeutschen Kleinstadt ankam, wie er durch die Studentenunruhen länger in Deutschland blieb als geplant, und wie ich dagegen die Tage in Nanjing erlebe. Parallelen.

Währenddessen flattert der Fahrtwind durch den Bus, das unablässige Hupen und all die Gerüche. Ich sage Prof. Wang, dass ich nunmehr das erste Mal den Yangtse überqueren würde. Und dass das nun ein Moment sei, in dem eine literarische Fiktion, der große Gelbe Strom, Wirklichkeit würde. Es ist diesig, heiß. Die Sicht reicht nicht, um den größten Binnenhafen Chinas überschauen zu können. Die alte Yangtsebrücke ist hoch, die Schiffe riesig. Unser Gespräch kommt, von ihm gelenkt, schnell auf die deutsche Presse. Nicht das erste Mal. Bilaterale Sensibilitäten. Ich suche nach Erklärungen, Versöhnlichkeiten. Diese Journalisten seien eben keine Sinologen. Sie sind für fünf Tage hier, sitzen im Hilton im 13. Stock, fühlen sich bestätigt beim vergeblichen Internet-Zugriff auf die Seiten von Amnesty International, sehen Wachstum von anabolischen Ausmaßen und ebensolche Gegensätze des Besitztums auf den Straßen. Aber sie sehen die Entwicklung nicht, nicht den zähen Fluss der Historie Chinas, und dass dies hier womöglich die friedfertigste aller Möglichkeiten ist, mit der ein Riese erwacht. Ich sage, Deutschland möchte ebenso Geschäfte mit China machen wie die USA oder Japaner, aber sie haben sich so oft mit den Falschen eingelassen, dass sie bis ins Mark fürchten, unter Diebe zu fallen. Die Schärfe der Betrachtung hängt von Nähe ab. Wir richten unseren Blick vielleicht so scharf auf alles, wie wir es an uns zu lernen hatten. Prof. Wang nickt still und sagt, es sei weise von mir, dass ich mich, wie ich ihm anfangs erzählte, bei den Interview-Dreharbeiten meiner Studenten unsichtbar machte.

Der Bus biegt in den Campus ein. Das Gelände scheint riesig. Drei Studenten holen mich ab. Sie wählen sich, für Tumblinge wie mich, deutsche Namen aus: Rebekka, Timo und Ines.

Hauke Hückstädt im Göttinger Tageblatt 

 
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