Der Filmemacher Jia Zhangke

Einführung zu "Still Life" (von Irmy Schweiger)

„Still Life“ oder 三峡好人, „Die guten Menschen vom Dreischluchten-Staudamm“, wie der Film im chinesischen Original heißt, ist der fünfte Film des chinesischen Regisseurs Jia Zhangke. 2006 wurde er auf dem Filmfestival in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. In der Zwischenzeit hat Jia Zhangke zwei weitere preisgekrönte Filme (Wuyong 无用,24 City二十四城) gedreht. Doch ist mit der Nennung von Preisen, allzumal bei einem chinesischen Regisseur, wenig gesagt.

Jia Zhangke ist ein Filmemacher, der polarisiert: die einen sehen in ihm den Vertreter der illegalen chinesischen Independent Filmszene. Die anderen halten ihn für einen Nischen-Künstler, der mit spröder Ästhetik, Randthemen und Verzicht auf „action“ das breite Publikum vergrault. Sicher ist: Jia’s Filme sind keine Mainstream-Filme, weder in China noch im „Westen“. Sie sind geprägt von der eigenen Lebenswelt, persönlichen Interessen, den Orten seiner Herkunft. Jia Zhangke ist ein Meister der genauen Beobachtung: er zeigt Details, nicht das Panorama. Und er folgt seinen Figuren, die zumeist Verlierer des Fortschritts sind, mit spürbarer Zuneigung. Umso bemerkenswerter, dass Jia Zhangke Filme wie „Still Life“ in China drehen und auch zeigen kann.

Jia Zhangke wurde 1970 in Fenyang, einer Provinzstadt nordwestlich von Beijing geboren. Die unwirtliche Region ist vor allem durch den Kohlebergbau geprägt. Jia’s Familie wurde – wie viele andere in der Kulturrevolution – landverschickt. Über seine Biographie, die immer wieder auch in seinen Filme durchscheint, bemerkte Jia einmal: „Ich wurde 1970 geboren, also gegen Ende der Kulturrevolution und dem Beginn des wirtschaftlichen Aufschwungs. Für meine Generation ist dieser Aufschwung  keine Neuerung. Neue Lebensstile und neue Werte sind zur Selbstverständlichkeit geworden, für ihre flächendeckende Ausbreitung haben die Medien gesorgt. Die Lebensbedingungen haben sich jedoch nicht für alle gleichermaßen verändert. Ein Großteil der Menschen gehört zu den Verlierern des nationalen Fortschritts und staatlichen Modernisierungsprogramms. Die Schere geht hier immer weiter auf und der Druck auf den Einzelnen wird immer mächtiger … vor allem für junge Menschen.“

Jia Zhangke studierte zunächst Malerei in Taiyuan, der Hauptstadt der Provinz Shanxi. Später wechselte er an die Filmakademie in Beijing, wo er mit einer Gruppe von Kommilitonen seinen ersten Film („Xiao Wu“) drehte. Jia selbst bezeichnet den Film „Gelbe Erde“ des chinesischen Regisseurs Chen Kaige, als Schlüsselerlebnis, das ihn zum Filmemachen animierte. „Gelbe Erde“ 黄土地war 1984 der erste chinesische Film, der dem modernen chinesischen Kino auf die internationale Bühne verhalf. Er erzählt die Geschichte eines Soldaten, der über das Land zieht, um Volkslieder zu sammeln, die in revolutionäre Lieder umgewandelt werden sollen. Sein Auftrag scheitert, sein sozialistischer Optimismus gerät ins Wanken. Der Film „Gelbe Erde“ begründete den Ruf der so genannten „Fünften Generation“ von Filmemachern zu der auch Zhang Yimou, Chen Kaige, Tian Zhuangzhuang zählt. Die kritische Auseinandersetzung mit der chinesischen Kultur und Geschichte, setzt diese Generation von Regisseuren um in ausdruckstarken, farbenprächtigen, geradezu monumentalen Bilder. Über viele Jahre war es gerade die Opulenz, die man mit „chinesischem Kino“ verband.

Jia Zhangke dagegen wird zur „6. Generation“ gezählt, die sich von ihrer Vorgängergeneration vernehmlich abgrenzt. Bereits den Generations-Begriff  lehnen die jungen Filmemacher ab: sie wollen als individuelle Künstler wahrgenommen werden. Dafür gehen sie hohe ökonomische Risiken ein. Oftmals drehen sie auf eigene Faust: ohne Unterstützung, aber auch ohne die Zwänge staatlicher Studios. Gegen eine eingefahrene Bildersprache setzen sie auf bewegliche digitale Handkameras, ihre Figuren sind keine berühmten Stars, sondern eher unbekannte Schauspieler und Laien. Inhaltlich geht es immer weniger um die chinesische Geschichte, sondern um Geschichten. Geschichten des Alltags: vom Leben in der Großstadt, von Liebe und Sehnsucht, von Ungewissheit und Ratlosigkeit in Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche, von der Suche nach individuellem Glück. In einem Wort: Geschichten vom Überleben.

In „Still Life“ ist es genau dieser Zwischenzustand der Veränderung, „dessen, was einmal gewesen und was noch nicht ist“, das sich leitmotivisch durch den Film zieht: das, was zwischen Tradition und einer staatlich gewollten Moderne liegt, zwischen flächendeckender Zerstörung und geplante Gigantomanie. In der letzten Filmeinstellung von „Still Life“ gibt es hierfür ein eindrückliches Bild: es ist ein Balanceakt, der das Gestern mit dem Morgen verbindet, ein Zurück gibt es nicht.

Als „Requiem für eine Region“ ist Jia Zhangke’s Film „Still Life“ bezeichnet worden, handelt er doch von jenem Dreischluchten-Staudamm-Projekt am Yangzi, in dessen Verlauf ca. 6 Millionen Menschen umgesiedelt 3 Städte und nahezu 2000 Dörfer überflutet wurden. Der Staudamm, der 2006 in Betrieb genommen wurde, zählt zu den größten Talsperren der Welt. Sogar in der Politik gab es Skepsis: im chinesischen Volkskongress stimmten 1992 „nur“ zwei Drittel dem Bauvorhaben zu. Hauptgegner des Projektes waren Umweltschützer und das Militär, das die Staumauer als geradezu prädestiniert für feindliche Attacken ansieht. Die Fluten des Yangzi zu bändigen, der seine Anwohner immer wieder mit großen Überschwemmungen in Atem hält, spukte schon seit Jahrhunderten in den Köpfen chinesischer Herrscher herum. Allein im letzten Jahrhundert kamen über 3 Millionen Menschen durch die Fluten ums Leben. Die Abholzung der Wälder, sowie die Trockenlegung von fast tausend Seen entlang des Yangzi haben die Situation noch verschärft. Die ökologischen Folgen und Risiken sind unkalkulierbar, sicher ist, dass der natürliche Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten zerstört wurde. Zudem hat das Erdbeben in Sichuan daran erinnert, dass der Staudamm in einem Erdbeben gefährdeten Gebiet liegt, das Gewicht der Wassermassen sogar ein Erdbeben auslösen könnte. Am gegenwärtigsten, doch auch in Filmbildern nicht fassbar sind die sozialen Folgen der Umsiedlung sowie der Zerstörung der Lebensräume von Millionen von Menschen. Jia Zhangke gibt in „Still Life“ wenigstens einzelnen von ihnen ein Gesicht.

Erstaunen wird Sie – erst recht nach diesen einleitenden Worten – dass der Film nicht das Label „In China verboten“ trägt (was den Marktwert im Westen sicher zuträglich wäre). Jia Zhangke, lange Jahre Aushängeschild des chinesischen Untergrundfilmes, wurde 2004 als „Regisseur, dessen Verdienste wieder hergestellt sind“ als Mitglied des staatlichen Filmbüros aufgenommen. Jia hat sich der „Vereinnahmung“ nicht widersetzt, und das aus einem nahe liegenden Grund: er wünsche, dass seine Filme auch in chinesischen Kinos gezeigt werden. Zuallererst dort und nicht auf ausländischen Filmfestivals säßen seine Zuschauer. Was uns nicht hindern soll, den Film auch hier und heute anzusehen.

Irmy Schweiger am 6. November 08 im Kino Lumière

 
Übersicht
Aktuelles
Artists
Kino
Kalender
Presse
Artists

Nora Bossong
Wei Xidi
Hauke Hückstädt
Ye Zhaoyan

partner

deutsches theater goethe institut

kino lumiere göttingen

stallarte