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Hauke Hückstädt in China "Spieglein, Spieglein an der Wand. Wer ist die Schönste im ganzen Land?" Schon im Märchen gilt Schönheit als Wert, der wichtig und erstrebenswert ist, und zwar überall, im Westen wie im Osten. Bereits vor über zweitausend Jahren hat der chinesische Philosoph Zhuangzi darauf hingewiesen: "Schöne Frauen erfreuen der Menschen Augen. Wenn die Fische sie sehen, so tauchen sie in die Tiefe; wenn die Vögel sie sehen, so fliegen sie in die Höhe [...]". Macht dies den Wert von "Schönheit" aus? Wird sie gewertschätzt, weil sie andere erfreut?
Eine Aufarbeitung und Klärung von Werten würde auch für die Völkerverständigung aufschlussreich sein und viel zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Es liegt z.B. nicht nur am Mangel an Kontakt, wenn sich aus der weltweiten BBC-Umfrage ergibt, dass 58% der Chinesen Deutschland positiv und 16% negativ bewerten, während nur 28% der Deutschen China positiv und gleichzeitig 59% den chinesischen internationalen Einfluss negativ betrachten. Diese Ungleichheit führen viele nicht zu Unrecht auf die Medien und deren einseitige Berichterstattung zurück; doch es stellt sich die Frage, ob diese mit Vorurteilen behaftete Betrachtungsweise nicht zuletzt auf bestimmte, fest verankerte Werte zurückzufuehren ist, an denen sich die Berichterstatter und Kommentatoren orientiert haben und weiter orientieren. Man stellt sich an dieser Stelle die Frage nach dem Hintergrund der unterschiedlichen Bewertungen. Ferner ist in Zweifel zu ziehen, ob Entwicklung und Zusammenarbeit ohne einheitliche Wertebasis möglich sind. Das Thema "Werte" ist also sehr breit und vielseitig. Es kann privat wie öffentlich, klein wie groß, eng wie weitläufig behandelt werden. Es greift eine aktuelle Diskussion in China auf, wo man einen tief greifenden Wertewandel im Kontext der rasanten Entwicklung und Veränderung in allen Bereichen des Landes erlebt. Während des schlimmen Erdbebens in der Sichuan Provinz löste die Handlung eines Lehrers namens Fan heftige Debatten aus. Dieser, später als "Running Fan" betitelte Lehrer, ist im Moment des Erdbebens aus dem Klassenzimmer geflohen, ohne jegliche Rücksicht auf die Schüler zu nehmen. Die Handlungsweise und spätere Rechtfertigung von Running Fan sowie die ausufernden Debatten darüber reflektieren eine krisenhafte und orientierungslose Gesellschaft, gleichzeitig aber auch deren Auflockerung und öffnung, sowie die Frage nach herkömmlicher Moral und Scheinheiligkeit. Auf "Werte" kommt sehr vieles, wenn nicht alles an: jede Wahl, die man treffen muss, von der Liebe, Freundschaft, Berufstätigkeit bis zur Lebensweise. Wir befinden uns in einem Spannungsfeld der Werte, und nicht zuletzt ist die Frage von Interesse, welchen Beitrag zur Bildung und Etablierung von Werten die Literatur leisten kann. Kann das Medium "Literatur" einen neuen Blickwinkel auf die Diskussion eröffnen? Mit Spannung und Neugier zu erwarten ist, welche Denkanstösse und Anregungen zum Umdenken der "Artists in Residence"-Aufenthalt im Sommer 2008 hervorbringt. |